Nicolaikirche soll Ende 2012 geschlossen werden

Das Presbyterium der Evangelischen Kirchengemeinde Sendenhorst stellte in der Gemeindeversammlung am 22. März in der Nicolaikirche in Vorhelm den Tendenz-Beschluss vor, die Nicolaikirche als Gottesdienststätte zum Ende des Kirchenjahres 2012, also Ende November, zu entwidmen und das Gemeindezentrum in Vorhelm zu schließen. Finanzielle und ebenso strukturelle Gründe haben dazu geführt, dass das Presbyterium im Januar 2012 nach langen, sorgfältigen Beratungen diesen Beschluss gefasst hat. „Wir möchten über die Hintergründe der Entscheidung informieren, die von allen Beteiligten schweren Herzens und nach reiflicher Abwägung des Pro und Kontra getroffen wurde“, erklärt dazu Pfarrer Manfred Böning. „Zugleich ist es dem Presbyterium ein Anliegen, die Gemeinde anzuhören und ihr Gelegenheit zu geben, Vorschläge für einen zukünftigen Gottesdienstort und einen neuen Treffpunkt für Gemeindegruppen in Vorhelm zu machen.“

Starker Rückgang der Finanzen, aber auch der Gruppen und der Gottesdienstbesucher

Das Presbyterium hat sich nach gründlichen Beratungen und der Prüfung möglicher Alternativen einstimmig dazu durchgerungen, sich von der Nicolaikirche zu trennen. Die finanzielle Situation erlaubt es der kleinen Kirchengemeinde mit insgesamt 2.382 Gemeindegliedern (Stand: 31.12.2011) nicht länger, zwei Kirchengebäude zu erhalten. Der Rückgang der Bevölkerung in Ahlen und Sendenhorst hat zur Folge, dass die Kirchengemeinde seit einiger Zeit Jahr für Jahr rund 20 Kirchenmitglieder verliert. Das wirkt sich nicht nur auf die geringere Zuweisung von Kirchensteuern aus, sondern auch auf die stark zurück gegangene Zahl der Gruppen sowie der Gottesdienstbesucher, die sich noch im Gemeindehaus treffen. Durch die demografische Entwicklung und auf der anderen Seite durch steuerpolitische Weichenstellungen ist die reale Finanzkraft der Evangelischen Kirche in Deutschland insgesamt seit 1990 um rund ein Drittel geschrumpft. Auch diese Entwicklung hat sich im Haushalt der Kirchengemeinde niedergeschlagen. Darum hat das Presbyterium Sendenhorst in den vergangenen Jahren große Einsparungen vor allem im personellen Bereich vorgenommen, um den Gemeindehaushalt finanzieren zu können. Weitere Kürzungen sind jedoch an dieser Stelle nicht mehr möglich. Daher konzentriert sich das Presbyterium nun darauf, die Friedenskirche in Sendenhorst als lebendiges Zentrum der Gemeinde zu erhalten.

Beratungen für die Zukunft gemeinsam mit der Gemeinde

„Das Presbyterium bittet die Gemeinde um Verständnis für diese Entscheidung und bezieht die Gemeindeglieder in die Beratungen für die Zukunft der Kirchengemeinde mit ein“, betont Pfarrer Böning. Für ihn selbst ist dieser Beschluss besonders schwer, da er seit über 15 Jahren als Pfarrer für die Nicolaikirche tätig ist. „Jedes Mal, wenn ich in die Nicolaikirche komme, denke ich an die vielen Jugendlichen, die ich hier zur Konfirmation begleitet habe. Mir kommen die schönen Gruppenstunden und fröhlichen Feste in den Sinn. In der Nicolaikirche habe ich Menschen zu Beginn ihres Lebens getauft und zum Ende ihres Lebens kirchlich bestattet. Bei allem Schmerz über den Beschluss zur Schließung stehe ich dennoch hinter der Entscheidung, die Nicolaikirche als Gottesdienststätte aufzugeben. Die harten Zahlen sprechen leider eine deutliche Sprache.“

Hintergründe zu dem Tendenz-Beschluss

Das Presbyterium Sendenhorst hat im Januar 2012 nach langen, sorgfältigen Beratungen den Tendenzbeschluss gefasst: „Die Nicolaikirche in Vorhelm, Agnes-Miegel-Straße 14, 59227 Ahlen, wird als Gottesdienst- und Veranstaltungsstätte zum Ende des Kirchenjahres 2011/2012 aufgegeben und der Kreissynodalvorstand des Evangelischen Kirchenkreises Hamm und die Kirchenleitung der Westfälischen Landeskirche werden um Genehmigung zur Entwidmung des Gebäudes gebeten. Am 22. März, um 19.30 Uhr, findet eine Gemeindeversammlung dazu in der Nicolaikirche statt.“ Der Zeitplan nahm Rücksicht auf die Einführung des neuen Presbyteriums, die am 26. Februar erfolgte. „Tendenz-Beschluss“ bedeutet: Das Presbyterium wollte und konnte nicht, ohne die Gemeinde zu hören, eine endgültige Entscheidung treffen. Der Tendenz-Beschluss gibt eine Richtung vor, bleibt aber zunächst in der Gemeinde und kann dort diskutiert werden. Auf dieser Grundlage kann das Presbyterium dann einen Beschluss fassen, der über den Kreissynodalvorstand des Kirchenkreises Hamm zur Genehmigung an die Kirchenleitung der Evangelischen Kirche von Westfalen geschickt werden muss.

Superintendent Schuch bei der Gemeindeversammlung zu Gast

Bei der Gemeindeversammlung war als Gast Superintendent Rüdiger Schuch (Evangelischer Kirchenkreis Hamm anwesend. Er stand für Fragen zu den Rahmendaten des Kirchenkreises Hamm und deren Berechnungs-Grundlagen zur Verfügung und stellte die Haushaltsprognosen für die kommenden Jahre vor, die bei dem Presbyteriumsbeschluss im Hintergrund stehen. Pfarrer Manfred Böning stellte die geschichtliche Entwicklung der Kirchengemeinde und der Nicolaikirche vor, ging dann auf die finanzielle Entwicklung ein und begründete anhand der aktuellen finanziellen wie auch strukturellen Lage der Gemeinde ausführlich den Schließungsbeschluss.

Vielfältiges Gemeindeleben in Vorhelm bis in die neunziger Jahre

Die Nicolaikirche wurde 1979 eingeweiht. Durch großzügige Spenden aus der Gemeinde und vor allem durch die Hilfe des Kirchenkreises konnte ein repräsentativer Kirchenbau realisiert werden. Kirchensteuermittel waren damals genug vorhanden. Durch Zuzüge junger Familien wuchs die evangelische Kirchengemeinde. Pfarrer Böning: „Bis in die neunziger Jahre hinein gab es ein vielfältiges Gemeindeleben in der Nicolaikirche: Gut besuchte Gottesdienste, Kinder- und Jugendgruppen, bis zu sechs Krabbelgruppen, ein starker Frauenkreis, den Kirchenchor.“ Im Jahr 2002 beschloss das Presbyterium, den Gemeindeteil Enniger an die Kirchengemeinde Ennigerloh abzugeben. 2003 verlor die Gemeinde dadurch 452 Gemeindemitglieder. „Da die Gemeinde damals noch wuchs, ging man davon aus, dass Vorhelm und Sendenhorst eine verlässliche 100-Prozent-Pfarrstelle bleiben könnte“, so Manfred Böning.

Demografischer Wandel und weniger Kirchensteuern

Doch diese Prognose erfüllte sich aus mehreren Gründen nicht: Der wirtschaftliche Aufschwung nahm ab, die Lohnsteuer, an der das Kirchensteueraufkommen hängt, wurde reformiert, und die Kirchenmitglieder werden immer älter und zahlen als Rentner weniger oder gar keine Kirchensteuer mehr. Jüngere Menschen kommen jedoch demografisch bedingt nur wenige hinzu. Auf der anderen Seite wurde die Erhaltung der Gebäude nicht nur für Privatleute, sondern auch für die Kirche immer teurer. Aufgrund der zurückgehenden Finanzmittel im gesamten Kirchenkreis Hamm musste dieser die Unterstützung der 13 Kirchengemeinden im Rahmen der Finanzgemeinschaft in den letzten Jahren schrittweise zurückfahren.